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  Weiterer Schritt im Bereich der Inklusion  
     
  An der Grundschule Egenhausen ist die Beschulung von Kindern mit Behinderungen selbstverständlich.  
         
 
Inklusion bedeutet, dass Kinder mit Behinderung aller Art an einer Regelschule gemeinsam mit "normalen" Kindern beschult werden. Unter anderem geht es dabei vor allem um Körperbehinderung, Hörschädigung bzw. Taubheit, eingeschränkte Sehfähigkeit bzw. Blindheit, Lernbehinderung usw. Ab dem Jahr 2013 wird die Inklusion für alle Schulen verpflichtend, d. h. jede Regelschule muss Kinder mit Behinderung aufnehmen, wenn die Eltern dies wünschen. Bis dahin liegt es im Entscheidungsbereich der Schulleitung, die Aufnahme eines Schülers mit Behinderung zu befürworten oder abzulehnen.
Für die Schulleitung und das Lehrerkollegium der Grundschule Egenhausen hat sich diese Frage aber noch nie gestellt. Schon seit vielen Jahren ist die Schule offen für die Integration (heute Inklusion) von Schülern mit Behinderungen. So wurden schon vor 10 Jahren 3 Schüler mit Körperbehinderung in den Regelklassen beschult. Alle Schüler haben inzwischen mittlere Schulabschlüsse erreicht und stehen derzeit in Ausbildungsberufen im Verwaltungsbereich.

Im Jahr 2009 wurde ein stark sehbehindertes Kind in die Klasse 1 aufgenommen. Von Anfang an gab es eine sonderpädagogische Begleitung durch die Sehbehindertenschule in Stuttgart. Ebenso wurde der Schüler (wohnhaft am Schulort) von einer Assistenzkraft mit täglich 3 Stunden begleitet. Die Kosten dafür wurden vom LRA übernommen. Die notwendige Ausstattung mit technischen Hilfsmitteln war Aufgabe der Krankenkasse, von der wir eine positive Unterstützung erfuhren.
Im Laufe des 2. Schuljahres hat sich die Sehfähigkeit des Jungen dramatisch verschlechtert, so dass nur noch mit einem Lesegerät, Laptop und einer Tafelbildkamera geringe Lesefähigkeiten erzielt werden konnten. Auch hier erhielten wir eine absolute Unterstützung durch die Krankenversicherung. Die tägliche Arbeitszeit der Assistenzkraft musste deshalb auf 4 Stunden (20 Stunden pro Woche) erhöht werden.

Doch an der Grundschule Egenhausen geht es weiter: Seit Beginn diesen Schuljahres wurde ein weiteres Kapitel im Bereich der Inklusion aufgeschlagen. Ein hörgeschädigtes Kind wurde am 17.09.2011 eingeschult. Allerdings wohnt dieses Kind in einem Nachbarort von Egenhausen. Die dortige Grundschule hat eine Schulaufnahme abgelehnt. Daraufhin haben sich die Eltern an unsere Schule gewandt. In nur wenigen Wochen wurde alles Wichtige besprochen und geklärt. Schulbesuche, Teilnahme an den Vorschultagen im Kindergarten, Teilnahme am Sportunterricht in der Klasse 1 der Schule waren völlig problemlos zu organisieren. Besprechungen mit dem Schulträger verliefen positiv, sehr zügig wurde in dem vorgesehenen Klassenzimmer eine Geräusch hemmende Lochdecke eingebaut. Im Lehrerkollegium war eine positive Grundhaltung vorhanden, alle 3 vorgesehenen Klassenlehrerinnen der neuen jahrgangsgemischten Klasse 1 / 2 waren bereit den Jungen in ihrer Klasse aufzunehmen. Nachdem man dann auch noch den Leiter des Zentrums für Hören und Sehen in Heiligenbronn, Herrn Ludger Bernhard im Boot hatte, konnte nichts mehr schief gehen. Von dort erhielten wir Unterstützung durch eine Sonderschullehrerin die mit 15 Stunden pro Woche hauptsächlich zur Sprachförderung eingesetzt ist. Die restlichen Unterrichtsstunden wurde der Junge, Lukas, von drei Gebärdensprachendolmetscherinnen, die sich die zu erteilenden Stunden aufteilten, begleitet.

Schon die Feierlichkeiten zur Einschulung verliefen sowohl für den Jungen als auch die komplette Schulgemeinschaft sehr positiv und harmonisch. Nicht nur in seiner neuen Klasse wurde Lukas sehr gut aufgenommen, sondern auch von Seiten der Eltern gab es viele positive Rückmeldungen. Inzwischen hat sich Lukas gut eingelebt und er geht jeden Tag mit Freude zur Schule und auch freudig wieder nach Hause. Natürlich muss man sagen, dass es ein enormer Aufwand ist, um Lukas den Besuch an einer Regelschule zu ermöglichen: Die Eltern müssen ihren Sohn jeden Tag zur Schule fahren und auch dort wieder abholen. Von der Sondereinrichtung Heiligenbronn kommt mit insgesamt 15 Wochenstunden eine Sonderschullehrerin an die Grundschule Egenhausen, um Lukas im Bereich der Sprachförderung zu unterstützen. Denn Lukas muss lernen zu sprechen, ohne dass er hören kann. Diese Stunden werden vom RP Freiburg zur Verfügung gestellt. Die restliche Unterrichtszeit wird Lukas von Gebärdensprachendolmetscherinnen begleitet, damit er wie die anderen Kinder dem Unterricht folgen kann. Allein beim Sportunterricht nimmt Lukas ohne zusätzliche Hilfen teil, damit er lernt auch ohne Begleitung zurecht zu kommen. Dies funktioniert auch ohne größere Schwierigkeiten, indem er mit dem Sportlehrer per Zeichensprache kommuniziert oder die anderen Schüler imitiert.
Der enorme Aufwand ist auf jeden Fall gerechtfertigt, denn Lukas kann trotz seiner Behinderung in einer "normalen" Schulklasse sein und muss nicht täglich einen langen Schulweg zu einer Sondereinrichtung auf sich nehmen. Außerdem kann er in Wohnortnähe mit seinen Freunden seine Grundschulzeit erleben. Ein weiterer Grund für das große Engagement aller Beteiligten ist, dass sich diese "Inklusionsmaßnahme" äußerst positiv auf das Sozialverhalten der Klasse, aber auch der gesamten Schülerschaft auswirkt.
In der Zwischenzeit wurde festgestellt, dass der Umfang der Begleitmaßnahmen etwas reduziert werden kann. Dies bedeutet, dass Lukas in manchen Unterrichtsstunden auch alleine arbeiten kann. Man muss dies immer wieder realistisch überprüfen, ob der personelle und finanzielle Aufwand auch tatsächlich gerechtfertigt ist. Außerdem muss Lukas lernen sein Leben auch ohne ständige Begleitung zu meistern. Dies ist natürlich nicht von Heute auf Morgen möglich, aber es muss langsam angebahnt werden.
Damit Lukas auch mit seinen Klassenkameraden kommunizieren kann, wurde im Lauf des Schuljahres ein Gebärdensprachkurs eingerichtet, den eine der Dolmetscherinnen leitet. Finanziert wird diese AG durch Sponsoring einer ortsansässigen Firma, deren Geschäftsführer nicht nur einen namhaften Betrag zur Verfügung gestellt hat, sondern den Kurs auf Einladung der Schule hin besucht hat. Schon nach wenigen Einheiten konnte man sehen, dass die Mitschüler von Lukas viel gelernt hatten, und dies auch mit großer Freude.

Wenn man bereit ist Inklusion anzunehmen, dann ist dies - wie an der Grundschule Egenhausen eigentlich selbstverständlich – eine tolle Sache. Voraussetzung dazu ist natürlich, dass alle Beteiligten (Lehrerkollegium, Schulträger, Elternschaft, Schüler und alle weiteren Einrichtungen) mit Engagement dahinter stehen. Dann lohnt sich der enorme Aufwand und die Mehrarbeit. Und wenn man dann auch noch täglich ein zwar gehörloses, aber strahlendes und glückliches Kind sieht, das gerne zur Schule geht, dann wurde das Prinzip der Inklusion verstanden und richtig umgesetzt.

Dirk Seifert
Rektor der Grundschule Egenhausen