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  Grundschule Egenhausen ist eine "inklusive Schule"
Pädagogisches Konzept basiert auf der Verschiedenheit der Schüler
 
         
 
Jedes Kind ist anders, jedes Kind hat unterschiedlichste Lernvoraussetzungen, jedes Kind hat verschiedene Voraussetzungen bezüglich der kulturellen und sozialen Herkunft. So gibt es auch immer wieder Kinder, die sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Diese Kinder werden in besonderen Schulen, in Sonder- bzw. Förderschulen (Schulen für Körperbehinderte, Hör- und Sehgeschädigte, Lernbehinderungen, Verhaltensstörungen usw.) unterrichtet und gefördert. Dazu müssen allerdings teilweise weite Wege und enorme Kosten in Kauf genommen werden. Zudem werden diese Kinder oftmals aus ihrer gewohnten örtlichen Umgebung und aus ihrem Freundeskreis herausgerissen. Deshalb gibt es nun ein neues pädagogisches Konzept, das derzeit von einigen wenigen Schulen ausprobiert wird. Obwohl die Grundschule Egenhausen nicht zu diesen auserwählten Schulen zählt, wird dieses Konzept dort verwirklicht und das eigentlich schon seit vielen Jahren.

Was steht nun hinter diesem Begriff "Inklusion" oder "inklusive Schule"?

Entwickelt wurde das Konzept aus dem Integrationsmodell, in dem zwar viele Schüler mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen an Regelschulen integriert wurden, in dem aber dann doch unterschieden wurde zwischen Schülern "mit" und "ohne" sonderpädagogischem Förderbedarf. Und damit gab es dann wieder zwei Gruppen von Schülerinnen und Schülern. Die inklusive Pädagogik sieht als wesentliches Prinzip die Heterogenität als eine Gegebenheit, die die Normalität darstellt. Sie plädiert für eine Schule, in der die Bildungs- und Erziehungsbedürfnisse aller Schüler befriedigt werden. Dabei soll kein Kind ausgesondert werden, weil es den Anforderungen der Schule nicht entsprechen kann. Es gibt für die Inklusion keine zwei Gruppen von Schülern, sondern einfach Kinder, die die Schülergesamtheit darstellen und die unterschiedliche Bedürfnisse haben. Jeder Schüler hat darüber hinaus individuelle Bedürfnisse, für deren Befriedigung die Bereitstellung spezieller Mittel und Methoden sinnvoll sein kann. Dies kann im sachlichen, aber auch im personellen Bereich notwendig sein.

Schon seit mehr als sechs Jahren werden an der Grundschule Egenhausen Kinder mit Behinderungen unterrichtet. Auf Grund der überschaubaren Schulgröße war es immer wieder möglich auch Kindern mit Lernbehinderungen weiterzuhelfen, so dass diese nicht an einen anderen Lernort fahren mussten. Allerdings muss man auch sagen, dass man manchmal an Grenzen stieß und sich eine Umschulung auf eine Förderschule nicht vermeiden ließ. Bei Kindern mit Körperbehinderungen wurden stets positive und für beide Seiten gewinnbringende Erfahrungen gemacht. Zum einen konnte den Kindern eine unbeschwerte und glückliche Grundschulzeit geboten werden, zum anderen war diese Zeit für das Schulklima und das Sozialverhalten absolut toll.

Begonnen hatte damals alles mit der Beschulung eines körperbehinderten Kindes. Bald kamen zwei weitere hinzu. Inzwischen gab es auch eine Kooperation mit der Körperbehindertenschule in Mössingen. Die damalige Sonderschullehrerin hat dann auch vermittelt, dass ein Rollstuhlkind aus Nagold an die Schule nach Egenhausen kam. In Nagold konnte keine Grundschule dieses Kind aufnehmen, für die Grundschule Egenhausen war es keine Frage, diesem Kind trotz massiver Behinderung vier Jahre an einer Regelschule zu ermöglichen. Ein Jahr später wurde ein hörgeschädigtes Kind eingeschult. Auch dieses Kind hat die Grundschule mühelos absolviert.

Auch heute werden an der Grundschule Egenhausen mehrere Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungen unterrichtet. Mit großem Engagement stehen die beteiligten Lehrkräfte hinter dieser Sache. Wir versuchen alle miteinander jedes Kind als Individuum zu sehen, mit allen möglichen Stärken und Schwächen. Dies zu verwirklichen sehen wir als einen wichtigen Aspekt der "Inklusion". Allerdings muss man auch ehrlicherweise sagen, dass auch wir innerhalb dieses Modells an Grenzen stoßen können, und zwar dann, wenn wir aus fachlichen oder personellen Gründen überfordert sind und die individuellen Bedürfnisse eines Kindes mit Beeinträchtigungen nicht befriedigen können.

Was passiert nun an der Grundschule Egenhausen im Bereich der "Inklusion"?

Auch in diesem Schuljahr haben wir an unserer Schule die unterschiedlichsten Kinder und jeder unserer fast 100 Schüler hat unterschiedliche Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen und damit auch unterschiedliche Bedürfnisse. Die Aufgabe der Schule und der beteiligten Lehrkräfte besteht nun darin zuerst einmal diese Unterschiedlichkeit zu erkennen und dann entsprechende Förderkonzepte, zugeschnitten für die einzelnen Bedürfnisse, zu erarbeiten. Um diese Ziele zu erreichen ist natürlich ein großes Engagement der Lehrerinnen und Lehrer notwendig, aber auch sachliche und personelle Hilfen.

  • Schon im Kindergarten werden deshalb schon die ersten Weichen gestellt. Im Rahmen des Projektes "Schulreifes Kind", in dem die Grundschule Egenhausen schon im vierten Jahr involviert ist, testen unsere Grundschullehrerinnen die Kinder im Vorschulalter, um schon hier die unterschiedlichsten Stärken und Schwächen festzustellen. Auf Grund dieser Testergebnisse werden spezielle Förderpläne erstellt, mit denen die Vorschüler dann in der Schule oder im Kindergarten gefördert, aber auch gefordert werden. Dies geschieht u.a. im sprachlichen, motorischen und sozialen Bereich.
    (12 Lehrerwochenstunden)

  • Den Aspekt der Sprachförderung sehen wir als sehr wichtigen Aspekt. Deshalb ist eine Erzieherin des Kindergartens auch wöchentlich einmal in der Schule.
    (1/2 Stunde, von der Gemeinde übernommen)

  • Für Kinder mit sprachlichen Beeinträchtigungen haben wir eine Kooperation mit dem Sprachheilzentrum in Calw-Stammheim. Eine Sonderschullehrerin kommt von dort an unsere Schule und arbeitet im Tandem mit einer Grundschullehrerin mit den Kindern.
    (2 Lehrerwochenstunden)

  • Eine weitere wichtige Komponente ist die Leseförderung. Hier bieten wir den Kindern der Klassenstufe 2 zusätzliche Lesestunden, unser so genanntes Lesekino, aber auch Vorlesungen der Schüler im Kindergarten an.
    (3 Lehrerwochenstunden)

  • In der Schuleingangsstufe arbeiten wir jahrgangsgemischt. 15 Kinder der Klassenstufe 1 und 25 Kinder der Klassenstufe 2 werden gemeinsam in zwei Klassen unterrichtet. Das Prinzip miteinander und voneinander zu lernen in heterogenen Lerngruppen hat sich inzwischen an unserer Schule etabliert und bildet damit eine wichtige Voraussetzung der Inklusion.

  • Derzeit sind wir in der Vorbereitung, um das Prinzip des jahrgangsgemischten Unterrichtens auch auf die Klassenstufe 3/4 auszuweiten.

  • Über die Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland erhielten wir die Möglichkeit das so genannte MUS-E-Projekt für unsere Schule zu erhalten. Eine Künstlerin (Carmen Stallbaumer aus Aidlingen) kommt einmal pro Woche vier Unterrichtsstunden an unsere Schule, um mit Kindern der Klassenstufe 1/2 jeweils zwei Stunden kreativ im künstlerischen Bereich zu arbeiten. Das Besondere daran ist, dass dieser "Unterricht" völlig wert- und notenfrei ist. Die Kinder dürfen und sollen sich in ihrer eigenen Kreativität und Fantasie ausleben. Und gerade dies kann Kindern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Beeinträchtigungen zu Gute kommen.
    (4 Lehrerwochestunden)

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Unser derzeit größtes Projekt im Bereich der Inklusion ist die Beschulung des sehr stark sehbehinderten Kindes Marco. Marco ist inzwischen schon im zweiten Schuljahr an unserer Schule. Er fühlt sich sehr wohl, macht im Lernbereich enorme Fortschritte und ist ein ganz normales Mitglied der Schulgemeinschaft. Als einen großen Vorteil sehen wir, dass Marco eine unbeschwerte Grundschulzeit im Kreise seiner Freunde und am Heimatort erleben darf und nicht - wie eigentlich vorgesehen - jeden Tag in die Sehbehinderten-Schule nach Stuttgart gefahren werden muss.
Alle Beteiligten unterstützen sich dabei gegenseitig: Die Gemeinde ist Arbeitgeber der Integrationshilfe Frau Erika Klindera, die täglich 3 Stunden lang Marco begleitet. Bezahlt wird sie vom Landratsamt Calw. Technische Hilfsmittel wie Lupe, Speziallampe, Arbeitsplatzeinrichtung oder vergrößerte Arbeitsmittel werden von der Schule bzw. von den Eltern hergestellt oder beschafft. Nicht zuletzt engagieren sich alle Lehrer, insbesondere die Klassenlehrerin Birgit Rentschler, aber auch alle Mitschüler, um Marco eine unbeschwerte Grundschulzeit zu ermöglichen.

Auf Grund dieser engagierten Arbeit erhielt die Schule nun als Anerkennung eine Urkunde des Jakob Muth-Preises.

 

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Welche Beeinträchtigungen Schüler unserer Schule haben ist im Sinne der Inklusion eigentlich zweitrangig, da wir diese so "normal" wie nur möglich behandeln. Allerdings sind wir Grundschullehrer in manchen Bereichen einfach darauf angewiesen, Hilfen von Außen zu bekommen:

     - Kooperation mit dem Sprachheilzentrum Calw-Stammheim
     - Kooperation mit der Ernst-Abbe-Schule für Sehbehinderte in Stuttgart
     - Kooperation mit der Sehbehindertenschule in Ilvesheim
     - Kooperation mit der Körperbehindertenschule in Mössingen
     - Kooperation mit der Förderschule für Lernbehinderte in Altensteig

Diese Kooperationen sind notwendig, um "inklusiv" zu arbeiten. Sie können in Form von Beratung, Förderstunden, Tandemkonzepten oder von begleitendem Unterricht stattfinden.

(Egenhausen, Oktober 2010) Dirk Seifert, Schulleiter Grundschule Egenhausen